Opfer der Bürokratie

Hach, was war das heute für ein herrlicher Herbsttag da draußen. In meiner analogen Kamera lag ein sehr interessanter S/W-Film und ich hätte mir mal so richtig die Berliner Luft einsaugen und mindestens diesen Film noch voll machen könnten.

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Unser Schreibtisch mit den Unterlagen zur Kontenklärung

Stattdessen: Kontenklärung – Rentenversicherung. Seitenlange Formulare mit Erklärungungen dazu, die zum Teil pro Punkt seitenlang sind und vor denen ich einfach kapitulieren muss. Keine Chance für mich da die richtigen Angaben zu machen. Zum Teil bleibt mir nur, in Prosa aufzuschreiben, was ich dazu weiss und zu hoffen, dass die Sachbearbeiterin/der Sachbearbeiter daraus die korrekten Kreuze interpolieren kann.

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Formulare und Erklärungen zu Formularen

Wie oft haben wir uns in diesem Staat denn schon vorgenommen, alles einfacher, verständlicher und sinnvoller zu machen? Deutschland mit seinem Beamtendeutsch und seiner milliardsten Ausnahme einer Ausnahmeregelung erscheint mir wie ein Raucher, der Meister im Aufhören mit Rauchen ist.

Insgesamt kostete mich diese Kontenklärung ca. drei volle Arbeitstage. Die Erinnerung und die Ermahnung, ich sei zur Mitwirkung verpflichtet habe ich für diesen Vorgang natürlich auch schon. Aber gerade zu meiner Studienzeit klaffen die Lücken in meiner Akte. Bei mir zu Hause sieht es ganz ähnlich aus. Wir reden hier von einer Zeit, die von Lernen, langen Nächten und einer Folge von Umbrüchen gekennzeichnet war. Und dann war da noch der Unfall. Überleben hieß es da. Und das ist in dem Fall keine leere Floskel. Danach habe ich als Einundzwanzigjähriger neu Laufen lernen müssen. Die größte Herausforderung, die mein Leben bislang für mich hatte. Die Frage nach Unterlagen aus der Zeit ließ mich kurz Auflachen. Ich habe einige Aktenordner mit Korrespondenzen von Versicherungen, Anwälten, Ärzten, Gutachten… Das Studium? Oh, ich habe alle Skripte griffbereit, meine Aufzeichnungen, Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitungen. Warum haben sie nicht danach gefragt? Ich nutze vieles aus dem Studium noch heute. Andere Dinge befinden sich im Keller und warten darauf, eines Tages doch noch gebraucht zu werden.

Das Beglaubigen der diversen Kopien übernahm meine Mutter für mich, damit ich wenigstens ein paar Stunden heute Zeit hatte, um mit meinem Sohn draußen zu spielen. Alles falsch! Weil ich die Kopien schon zu Hause gemacht habe, wurde meine Mutter im Bürgeramt angeranzt: „Vielen Dank! Da darf ich jetzt jedes Wort einzeln vergleichen. Setzen Sie sich mal da draußen hin. Wenn ich irgendwann fertig bin, rufe ich Sie rein.“ Klar, wenn man die Kopien dort machen lässt, sind sich die Bearbeiterinnen und Bearbeiter sicher, dass es sich um Kopien dieser Originale handelt. Die Preise für die Kopien sind zwar happig. Aber sicher wäre das preiswerter gewesen, als das was mein Tintenstrahler ausspuckt. Aber darüber hätte man doch verhandeln können.

Ist es das wert? Erreichen wir mit diesem Aufwand die Gerechtigkeit, die wir wollen? Oder bekommen wir nur alle, was wir verdienen?

Und warum haut alle Welt gerne auf Informatikern rum, die einfach nicht in der Lage sind, ihre Software so zu beschreiben, dass sie ein Anwender verstehen kann aber bei unseren Chefbürokraten lassen wir das durchgehen?

Wann kommt das Wikipedia mit den wirklich verständlichen Beschreibungen von Formularen und Verwaltungsvorgängen in Deutschland?

PS: Ich weiss, dass es in anderen Ländern nicht besser aussieht. Aber irgendwo muss man ja mal anfangen.

4 Gedanken zu „Opfer der Bürokratie“

  1. ich hab den kram letztes mal einfach genommen und bin hingefahren. die geben sogar termine am telefon…

    mit dem sachbearbeiter zusammen hat das dann ca. 30min gedauert, da hab ich nur vorher halt noch etwas zeit gebraucht abiturzeugnis und uniabschluss zusammenzusammeln…

  2. Für die Sachen, die dann jetzt noch geklärt werden müssen, werde ich wohl auch einen Termin vereinbaren. Das ersetze aber auch keine fehlenden Dokumente und Gedächtnislücken. Ein Abitur- und Diplomzeugnis zaubere ich auch in deutlich unter 2 Minuten hervor. Leider gibt es da aber Momente in meinem Lebenslauf (Unfall, Urlaubssemester etc.), die die Sache verkomplizieren.

    Für mich hätte da ja jeweils noch ein Zettel dazu liegen müssen: Wenn sie das noch nicht gemacht haben, legen Sie bitte jetzt einen Ordner „Rente“ an und heften Sie dieses Blatt mit dazu!

    Wenn da ein paar Jahre früher jemand nach gefragt hätte, hätten wir da auch noch viel bessere Chancen gehabt.

    Es ist halt schwer einzuschätzen, welches Stück Papier eines Tages noch mal wichtig werden wird. Tendenziell hebe ich zu viel Papier auf. Damit ist es dann auch weg, weil es unter einem großen Berg nicht mehr auffindbar ist. Mit Sicherheit ist es aber immer das falsche Papier, das ich aufgehoben habe.

  3. Ich hatte enorm viel Zeit für Recherche nach Unterlagen eines fehlenden Zeitraums von 2 Jahren Studium aufgebracht. Da dürften über mehrere Wochen insgesamt bestimmt 2 volle Arbeitstage zusammengekommen sein.

    Als es dann vollbracht war, hat sich meine prognostizierte Rente um etwas mehr als einen Euro erhöht.

    Heute würde ich mir das nochmal überlegen – denn lohnen tut sich das für Abitur- und Studiumszeiträume nicht, da hat man sowieso kaum oder keine Sozialabgaben gezahlt.

  4. Wer mehr zum Thema Geldvernichten mithilfe von Bürokratismus wissen will, dem kann ich „Die Verwaltungsarmee“ als Hörbuch empfehlen und sogar ausleihen. (Habs leider selbst nocht nicht gehört)

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