Zeuge einer verunglückten Geiselnahme – Was wenn das Bahnhofspersonal nicht mehr da ist?

Gestern wurde ich Zeuge einer bedrohlichen Situation die praktisch unmerklich eskalierte, jedoch dank überlegtem Handelns und der Professionalität der Berliner Polizei recht schnell und ohne größere Folgen kontrolliert werden konnte.

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Demolierte Informationstafel am S-Bahnhof Wittenau

Ich war reichlich spät mit der S1 von Wittenau in Richtung Friedrichstrasse unterwegs. Wollankstraße viel mir das erste Mal ein Mann auf, der mit blauem Auge und Zeitung da saß und praktisch vier Plätze belegte. Er schaute in die Zeitung und wetterte die ganze Zeit vor sich hin und pöbelte dann irgendwann auch Fahrgäste an.

Nun passiert sowas nicht selten in Berlin in der S-Bahn gerade zwei Tage zuvor hatte ich so eine Kandidaten, der politisch brisante Dinge durchaus clever auf den Punkt bringen konnte, das aber mit so viel Stuss füllte, dass man ihm nicht zuhören wollte. Diese geriet dann irgendwann an einen Süddeutschen, der sich beihnahe mit ihm prügelte.

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Leerer S-Bahnwagen

Aber zurück zu unserem Vorfall gestern: Ich zog meinen iGP aus dem Rucksack und hörte mir die letzten Probenraumaufnahmen meiner Band an. Wir üben ja gerade für unseren Auftritt ganz heftig. Und dazu gehört natürlich auch die Nach- und Vorbereitung der Proben. So musste ich mir das Gesabbel unseres Störers nicht weiter anhören. Als nächstes bemerkte ich dann, dass das ganze Abteil um den Mann herum leer wurde. D.h. die vier mal vier Sitze, die zwischen den Ausgängen des Wagens immer gruppiert sind. Das brachte mich dazu das Stück zuende zu hören und dann mal wieder leiser zu machen.

Mittlerweile waren wir Nordbahnhof angekommen. Ich sah einen Mann zur Zugabfertigerin gehen. Diese nickte und lief in ihr Häuschen auf dem Bahnsteig und tauchte wenig später zur Abfertigung des Zuges auf dem gegenüberliegendem Gleis wieder auf.

Ein neu hinzugestiegener Gast wollte in dem 12er-Abteil platz nehmen und wurde vom Störer angebrüllt, es sei keine gute Idee mit ihm im Abteil Platz zu nehmen. Der Mann stand sofort auf und lief rüber in den angrenzenden Wagon. Aha! Leicht zu beeindrucken, dachte ich. Ich blieb ruhig sitzen, wie die meisten. Der Zug rückte und rührte sich nicht. Ganz klar: Das Sicherheitspersonal musste auf dem Weg sein. Der offensichtlich betrunkende Agressor fragte laut in die Runde, warum es nicht weiter gehen würde. Umher nur Schulterzucken.

Nach endlosen 10 Minuten tauchten aus dem Nichts plötzlich vier Polizisten und zwei Leute von der Bahnhofssicherheit auf. Letztere postierten sich etwas abseits auf dem Bahnsteig während die Polizisten scheinbar zwei im Wagen und zwei an der offenen Tür materialisert waren. Einer forderte mich ruhig aber sehr bestimmt auf, den Wagen zu verlassen.

Der Agressor bemerkte die Polizei und sprang auf. Der Grund, weshalb a) die ganzen Fahrgäste ohne Murren seinen Aufforderungen Folge leisteten und weshalb b) die Polizei gerufen wurde war das Messer, das er dabei hatte und mit dem er herumfuchtelte. Die zwei Beamten im Wagen rückten ihre Dienstwaffen zurecht und vergewisserten sich, dass alles am rechten Ort ist. Einer der Polizisten forderte ihn mit ruhiger fester Stimme auf, das Messer wegzustecken und den Wagen zu verlassen.

Was der Mann dann tat, führte nicht direkt zu Deeskalation: Er wendete sich der Gruppe Leute zu, die hinter dem Ausgang waren und somit zwischen ihm und der Tür (wo auch die Polizei war) saßen. Und rief: „Ich nehme Geiseln! Willst Du meine Geisel sein?“

Der Polizist schrie zurück: „Lassen sie das Messer fallen oder wir setzen Pfefferspray ein!“ Dabei machte er einige Schritte auf den Mann zu. Als dieser weiter in Richtung seiner als Geiseln auserwählten lief, passierte exakt das angekündigte. Ein Strahl von etwa zwei Sekunden, dann ein Sprung der zwei Beamten im Wagen, die Kollegin am Eingang schnappte sich das zu Boden gefallende Messer und zu dritt zogen sie den mittlerweile schlaffen Beinahegeiselnehmer aus dem Wagen auf den Bahnsteig. Dort bekam er ein paar Handschellen und wurde gründlich nach weiteren Waffen untersucht.

Der freundliche Beamte erklärte auf das Jammern des Mannes sehr sachlich und freundlich: „Wenn sie den Aufforderungen der Polizei nicht folge Leisten, müssen sie auch damit rechnen, dass entsprechende Maßnahmen zur Ausführung kommen.“ Bestechend logisch eigentlich.
Bis auf die leichten Verletzungen, die der Täter hier davongetragen hatte (so ein Pfefferspray kann einem den Tag versauen und ein paar blaue Flecken von der Festnahme wird er wohl auch abbekommen haben) war nix passiert. Der nächste Zug in Richtung Wannsee auf dem gegenüberliegenden Gleis nahm die restlichen Fahrgäste auf und ich setzte meinen Weg fort.

Liebe Berlinbesucher, liebe britischen Hooligans, liebe Alkoholiker, Junkies und zur Aggression neigende Geistesgestörte!

In Berlin hat bestimmt jeder fünfte einen Knall. Aber 99% von denen sind absolut ungefährlich und harmlos. Wer rumpöbelt muss damit rechnen an einen der anderen Beknackten zu geraten und ein blaues Auge zu bekommen. Das ist eine Sache. Dann ein Messer bei der nächsten Gelegenheit zu ziehen ist eine unglaublich schlechte Idee. Rückt die Polizei dann an, ist es einge gute Idee, die Aktion einfach mal abzublasen und sich in Ruhe mit den Schutzleuten zu unterhalten. Die schlechteste Idee ist, anzukündigen auch noch Geiseln nehmen zu wollen. Darauf reagieren die Polizisten hier in Berlin offenbar sehr unentspannt.

Die ganze Sache funktionierte so reibungslos, weil es auf dem Bahnsteig sofort einen Ansprechpartner gab, der sofort unauffällig aber zielgerichtet handelte, weil die Mitfahrer im Zug die Ruhe bewahrten und auf das Eintreffen der Polizei warteten, ohne sich etwas anmerken zu lassen und weil die Polizei sehr koordiniert und unglaublich professionell arbeitete.

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Räumlichkeiten der Bahnaufsicht

Was aber, wenn wie beschlossen das Bahnhofspersonal von den meisten Bahnhöfen abgezogen wird. Erreicht man den Zugfahrer (Triebwagenführer heißen die, oder?) schnell genug, bevor er weiter fährt, um ihn aufzuhalten und die Polizei rufen zu lassen? Oder ruft man selbst die Polizei über Handy und jagen die dann dem fahrenden Zug hinterher? Was passiert derweil im S-Bahnwagen? Oder zieht man die Notbremse? Wie reagiert unser Bekloppter darauf?

Nein, ich habe es mir gespart, ein Foto von der Aktion zu machen und es an die Bild zu verkaufen. Stattdessen ein Foto, das ich Wittenau gemacht habe; von der Informationstafel dort oder dem, was davon übrig geblieben ist. Auch eine Folge des fehlenden Bahnhofspersonals.

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Infotafel am S-Bahnhof Wittenau

Ich weiss nicht, ob die Einsparungen an Personal nicht wieder durch Vandalismus zunichte gemacht werden. Auf jeden Fall aber ist die Sicherheit der Fahrgäste auf dem Bahnhof stark herabgesetzt, so wie das bei den U-Bahnen zum Teil schon der Fall ist. Fahrgäste gewinnt man so nicht! Und für mich wird Bahnfahren so auch nicht entspannter.

7 Gedanken zu „Zeuge einer verunglückten Geiselnahme – Was wenn das Bahnhofspersonal nicht mehr da ist?“

  1. Ganz einfache Formel: Preise für Touristen bleiben seit Jahren halbwegs stabil bzw. steigern sich langsam. Die Service-Angebote im Netz werden auf die gleiche Zielgruppe ausgelegt, das heißt die Verbindungen im Innenstadtbereich werden z.B. besser. In den letzten zehn Jahren haben sich dagegen die Preise für Jahreskarten um bis zu 90% etwa gesteigert (ich bin noch immer auf der Suche nach Quellen zur genauen Preisentwicklung) während die Angebote auf den von Dauerkartennutzern frequentierten Strecken, die touristisch uninteressant sind in vielen Fällen verschlechtert haben.

    Man betreibt also konsequent und aggressiv eine Entwicklung, die denen entgegenkommt, die sonst auch nicht mit dem Auto durch die Stadt fahren und macht die BVG für diejenigen, die sich tagtäglich hier bewegen als Alternative zum Auto immer unattraktiver.

  2. Das finden wir aber nicht gut, oder?

    Ich weiss auch nicht, ob es sehr touristenfreundlich ist, wenn sie hier nur auf demolierte Züge und Bahnhöfe stoßen und hier angepöbelt und mit Messern bedroht werden. Oder meinst Du, den Randalierern wird Bahn fahren auch zu teuer? ;-) Die meisten wissen doch nicht einmal, wie ein gewöhnlicher Fahrpreis aussehen würde! Auf der anderen Seite macht die S-Bahn ständig „Aktionen“ gegen Vandalismus.

  3. @hildi: Nein, die nächste konsequente Aktion ist es, die „Vorstadtzüge“ von den attraktiven Strecken zu trennen. Bei Bussen siehst Du das ja auch. Am Kudamm siehst Du lauter freundliche Fahrer, die mürrischen, die Dir mit dem Grinsen im Gesicht die Tür vor der Nase zu machen sind an den Strecken, wo nur die „Eingeborenen“ fahren. Auf den Innenstatdstrecken der S-bahn wirst Du dann eine hohePräsen an Sicherheitspersonal haben, auf dem Weg in die Wohngebiete ohne Hotels steigst Du in den ranzigen Zug. So wie in vielen anderen Städten dieser Welt.

  4. Danke für diesen Beitrag! Da kommen eigene unschöne Erinnerungen hoch. Manchmal braucht meine Berlin-Nostalgie so eine Kopfnuss. Ich nörgele zwar gern wie langweilig meine kleine westdeutsche Großstadt sein kann, Berlin ist ohne Frage interessanter. Aber die oben beschriebenen Irren, den Vandalismus (kein Zug ohne zerkratzte Scheiben) und die netten Zeitgenossen, die ihre Hunde absichtlich in die Mitte des Bürgersteigs machen lassen, damit auch ja jemand reintritt – auf all das kann ich wirklich verzichten. (Das Thema Arbeitsmarkt mal bewußt außen vor gelassen.) Und es ist auch sicher nur allzu richtig, daß das Abziehen des Stationspersonals eine sehr kurzsichtige Entscheidung gewesen ist.

  5. Meine Ex-Freundin wurde einmal Zeuge eines Axt Angriffes in der Berliner S-Bahn (Höhe Jannowitzbrücke) – auch hier griff das Bahnpersonal unterstützt von drei Bundespolizisten rasch und beherzt ein und verhinderten Schlimmeres. Ergebnis dieser Aktion war ein fast abgetrennter Daumen des Opfers, der zum Schutz die Hand hob und viele verschreckte Fahrgäste (inkl. meiner Ex-Freundin). Ich denke, wenn man so etwas einmal miterlebt ist das Vertrauen in eine gesellschaftliche Grundordnung erstmal gehörig dahin.

    Klar hat man in einer Stadt wie Berlin durch die höhere Bevölkerungsdichte mehr Spinner pro Quadratmeter als z.b. in Rheine(Westfalen) – aber mit solch doch intensiven Störungen des verträglichen Zusammenlebens rechnet man dann ja doch nicht. Und wenn man bedenkt, dass sich Städte ursprünglich ja mal entwickelten, weil man in der Gemeinschaft Stärke und Schutz suchte…

    Und die Unterstützung dieses Trends durch den Abzug von Schutzkräften aus den Randbezirken ist ein schönes Beispiel für die weltfremde Logik von ökonomischen Maßstäben in Bereichen, in denen Entscheidungen eigentlich aus humanen Gründen getroffen werden sollten.

    Danke für den Bericht.

  6. Wahrscheinlich setzt die S-Bahn auf Outsourcing an die Kunden: weiss man doch, dass heute jeder ein Handy dabei hat, können die Mitfahrenden doch selbst die Polizei rufen.

    Mann Mann, Scheiss-Idee das mit dem Personaleinsparen. Und die Vision von Olli mit den „Vorstadtzügen“ stimmt wahrscheinlich auch noch!

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