9:15 Uhr, S1 Oranienburger Strasse Richtung Wannsee

9:15 Uhr, S-Bahnlienie S1 in Richtung Wannsee, der Zug fährt gleich in den Bahnhof Oranienburger Straße ein. Ich stehe zusammen mit etwa sieben anderen Personen im Bereich vor den Türen. Die Aussicht auf einen Sitzplatz ist um diese Zeit aussichtslos. Mir schräg gegenüber steht ein junger Mann, den ich auf ca. 25 Jahre schätze und hört wie ich Musik über Kopfhörer. Er ist für sein Gewicht etwas zu kurz geraten (so wie ich) und passend zum Wetter warm angezogen. Ohne Vorwarnung fällt er mit einem lauten Poltern in sich zusammen.
Mit verdrehten Augen liegt er halb auf dem Boden halb gegen die S-Bahntür gefaltet. Die vier ihm am nächsten stehenden Männer stürzen sofort auf ihn, sprechen ihn an, versuchen seinen Oberkörper aufzurichten, ihn in eine „bequemere“ Haltung zu bringen, tätscheln seine Wangen.

Der Zug hält. Ich erwäge, die Notbremse zu ziehen. Aber wir halten unmittelbar vor dem Zugabfertiger. Dieser blickt in die sich jetzt öffnende Tür. Der Mann fällt mit dem Oberkörper aus dem Zug, wird aber von ein oder zwei Mitfahrern gehalten. Plötzlich schnellt er nach oben, richtet sich komplett auf, stellt sich auf die Beine und entleert innerhalb von drei oder vier Sekunden seinen gesamten Mageninhalt in den Türbereich. Er springt aus den sich schließenden Türen.

Ich bin verblüfft.

Offensichtlich hat das Bahnhofspersonal die Szene überhaupt nicht irritiert. Nur, weil einer direkt vor den Füßen des Abfertigers aus dem Zug kippt, ist das noch lange kein Grund nicht „Zurückbleiben!“ zu rufen und den Zug das Abfahrtsignal zu geben. Und was ist dem Mann da widerfahren? Tut er das richtige und lässt erst einmal checken, was da passiert ist? Oder war der Blackout konsequent genug, um ihm sogar die Erinnerung daran so weit zu vernebeln, dass er keine Ahnung von einem Problem hat. Und wie mag das wohl sein, auf dem Weg zur Arbeit, einem Mitfahrer erste Hilfe zu leisten und dann mit vollgekotzten Klamotten im Büro zu sitzen?

Noch immer verblüfft und mit vielen Fragen steige ich gedankenversunken Friedrichstraße aus. Ich bin einen Ausgang weiter gegangen…

2 Gedanken zu „9:15 Uhr, S1 Oranienburger Strasse Richtung Wannsee“

  1. Ja, das hatte mich tatsächlich auch irritiert. Aber einer stürmte gleich los und da fühlten die anderen sich wohl motiviert mitzumachen. Das ham se nun davon…

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