Mein Senf zu zu Guttenberg

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Je schwerer die Vorwürfe sind, die gegen Personen erhoben werden, desto vorsichtiger werde ich mit vorschnellen Äußerungen. Nun ist jedoch auch für mich die Zeit gekommen, um an die Klowand des Internets zu schreiben. Bezug nehme ich dabei auf den offenen Brief, den mein Freund Olli vor einigen Tagen auf sein Blog gestellt hat.

In diesem Brief finde ich mich selbst wieder und sehe mich daher gezwungen, einige Aussagen darin zu kommentieren. Zum einen würde auch ich mir erst ein Wochenende Zeit nehmen, bevor ich zu vermeintlichen Fehlern in meiner Dissertationsschrift Stellung beziehe. Tatsächlich kenne auch ich sie nicht wirklich auswendig, habe ich doch unzählige Versionen und Korrekturen dazu gesehen. Und dann ist so eine Arbeit natürlich zum einen sehr umfangreich und zum anderen auch voll von hoch komprimierten fachlichen Aussagen und Bezügen. Es ist also durchaus legitim, seine eigene Arbeit noch mal hervorzuholen, bevor man sich dazu äußert. Fehler gibt es bestimmt auch in meiner Arbeit. Diese beziehen sich aber gewiss nicht auf falsche Zitate oder entscheidende Kernaussagen.

Gerade weil auch ich viele Jahre neben meinem Beruf und als junger Vater an dieser Arbeit gesessen habe, betrafen meine Kürzungen am Ende vor allem die Quantität der Arbeit, nicht aber die Qualität und insbesondere die wissenschaftlichen Maßstäbe. Wer möchte schon nach Jahren der Entbehrungen und der Schufterei, der nicht verbrachten Zeit mit den Freunden und vor allem mit den Kindern, die man nie zurück bekommt vor einem Scherbenhaufen stehen? Ich kann nach bestem Wissen und Gewissen sagen, dass ich wissenschaftlich korrekt gehandelt habe. Das behauptet jedoch Herr zu Guttenberg auch.

Jeder Akademiker hat die Pflicht, dem wissenschaftlichem Codex widersprechendes Handeln nicht zuzulassen. Das betrifft mich, wenn ich Arbeiten lese, begutachte oder Inhalte nachvollziehe und dabei auf Unstimmigkeiten treffe, die sich gemeinsam mit den Autoren der Arbeit nicht ausräumen lassen. Die Universität hat mit der Aberkennung des Doktorgrades von Herrn zu Guttenberg ihre verdammte Pflicht getan. Frau Dr. Merkel merkt dazu in einem Interview an, die Universität sei den Empfehlungen von Herrn zu Guttenberg gefolgt. Das ist falsch! Ich als Doktorand bekomme den Grad von der Universität verliehen und diese hat auch das Recht, mir diesen wieder zu entziehen. Es steht mir nicht zu, ihr hierzu Empfehlungen zu erteilen. Die bloße Aberkennung des Grades reicht mir persönlich jedoch nicht. Herr zu Guttenberg hat etwa vier Jahre diesen Dr.-Grad unrechtmäßig geführt. Wenigstens symbolisch sollte dafür eine weitere Strafe folgen!

Was hat nun diese Affäre mit dem Job als Minister zu tun? Herr zu Guttenberg erklärt die gravierenden Fehler in seiner Arbeit mit einer Überforderung, die ihm bis zum Ende nicht bewusst geworden ist. Ist eine solche Fehleinschätzung oder mangelnde Sorgfalt oder Fehleinschätzung für einen Minister irrelevant? Ich persönlich bekomme Angst, wenn einer der mächtigsten Entscheidungsträger meines Landes gravierende Fehler auf Grund von Fehleinschätzungen macht und es auch im Nachgang erst merkt, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Aber vielleicht ist Herr zu Guttenberg als Minister ja ganz anders.

Das sich Herr zu Guttenberg in Bezug auf seine Arbeit mit allen Mitteln verteidigt, ist für mich verständlich. Wenig, um nicht zu sagen gar kein Verständnis habe ich dagegen für die Aussagen von Frau Dr. Merkel. Sie suggeriert, dass wissenschaftliche Ausbildung allein zum Selbstzweck stattfindet. Die gesamte Diskussion entfernt Akademiker und Nichtakademiker mehr und mehr voneinander. Zum Schutz von Herrn zu Guttenberg werden hier Vorurteile genutzt und die wissenschaftliche Gemeinschaft als Randgruppe behandelt. Mit wissenschaftlichen Assistenten gewinnt oder verliert man keine Wahlen. Die Beliebtheit von Herrn zu Guttenberg leider darunter nicht. Es werden gar Vergleiche mit abgeschriebenen Klassenarbeiten herangezogen. Von der Bedeutung der Note einer Klassenarbeit im Vergleich zu einer Promotionsarbeit mal ganz abgesehen, wird hier auch der Sachverhalt komplett verachtet, dass hier Werke kopiert wurden, die von Autoren erstellt wurden, die vom Schreiben leben und deren Arbeit ebenso respektiert gehört wie die Arbeit von Handwerkern oder Dienstleistern, Verkäufern oder Politikern. Die Entgleisungen des Herrn zu Guttenberg und der Umgang in den Medien damit hat zur Folge, dass ich regelmäßig die scherzhafte Frage beantworten muss, wo ich denn abgeschrieben hätte. Man scheint zu wissen: „Doktor? Die schreiben doch alle nur irgendwo ab.“

Insofern war ich sehr froh den offenen Brief an Frau Bundeskanzlerin Merkel bereits fertig formuliert im Netz zu finden, den ich guten Gewissens unterzeichnet habe. Auf Facebook lese ich zu dieser Debatte dann Kommentare, wie: Wir haben andere Probleme in Deutschland, als eine Promotionsarbeit. Dem stimme ich zu! Aus diesem Grund sollte hier schnell für Gerechtigkeit und Klarheit gesorgt werden, z.B. mit einem Rücktritt von Minister zu Guttenberg und einer Entschuldigung von Frau Dr. Merkel.

Das Land der Dichter und Denker hat nicht viel mehr zu bieten, als genau das. Nachdem den Universitäten bereits seit Jahren mit schwindendem Budget suggeriert wurde, dass auf hohe Bildung kein Wert mehr gelegt wird, kommt die Abwertung nun auch im medialen Umgang an. Wozu bitte sollte man als junger Mensch noch eine akademische Laufbahn einschlagen, auf die Parties verzichten und sich dafür offensichtlich nutzloses Wissen reintun? Dafür am Ende weniger zu Verdienen, als die Schulkameraden, die den „Quatsch“ einfach übersprungen haben und gleich „was vernünftiges“ gearbeitet haben oder für die fehlende Anerkennung und den Spott der „arbeitenden Bevölkerung“? Ich muss mich sehr aufregen und das nicht wegen „so einer Promotionsarbeit“!

9 Gedanken zu „Mein Senf zu zu Guttenberg“

  1. Ich finde es absolute Geld- und Zeitverschwendung, über Dingens sein Doktortitel zu diskutieren.

    Ganze Kommissionen palavern über dieses Thema, weil das grad populär ist und Kacke werfen Spaß macht.

    Die Opposition kräht sofort und will seinen Rücktritt. Dieses Spielchen ist so niveaulos und durchschaubar. Ich bin ja kein Freund der aktuellen Regierung aber bei solchen doofen Auftritten will ich von der Opposition auch nichts mehr wissen.

    Die Herren und Damen Staatsdiener sollen sich endlich um Ihre eigentlichen Aufgaben kümmern! Da kommt so viel Murks raus. Zum Schreien ist das! Da fehlt jemand, der mit der Peitsche dahinter steht, dieses Dummgetratsche unterbindet und die zum Arbeiten antreibt. Faules Pack!

    Den Dingsda (und alle anderen politischen Pfeifen auch) soll man doch bitte schön daran messen, wie gut sie Ihre Arbeit erledigen. Wen interessiert denn der Titel?

    Übersehe ich da grad was oder habe ich bloss keine Ahnung – welches der vielen Wahlversprechen hat unsere Regierung eigentlich umsetzen können? Ich kann mich an kein einziges erinnern. Das ist doch der eigentliche Skandal. Alles andere sind Nebelbomben, die allen Politikern prächtig in den Kram passen und von der eigenen Unfähigkeit ablenken.

    Deutschland ist so ein Saftladen! Pfui! Pfui! Pfui!

  2. Hey Lars,

    aber von Leuten regiert zu werden, die durch Betrügereien akademische Grade führen macht die Sache nicht besser. Denn schließlich sollen die Staatsdiener ja tatsächlich etwas wissen und können, und zwar nicht wie man mit dem schönen Schein trügt. Abgesehen davon ist es verwerflich, unmoralisch und dumm so zu tun, als ob Ehrlichkeit nur in der Wissenschaft etwas von Bedeutung wäre.

  3. Nein, das macht die Sache nicht besser.
    Aber wir werden verführt, uns über solche Lapalien aufzuregen und nicht zu fragen, was der Rest des faulen Packs eigentlich tut.

    Ich erinnere mich an den letzten Bundespräsidenten, der mal unverholen gesagt hat, dass wir nicht nur der Menschenrechte wegen in Afghanistan sind sondern auch aus wirtschaftlichen Interessen. Die ganze verlogene Bande hat sich darüber empört und ihn aus dem Club der Scheinheiligen verbannt. Der war offensichtlich zu gefährlich.

    Dann haben wir einen Verteidigungsminister, der hin und wieder auch mal reinen Wein zum Thema Afghanistan einschenkt und deutlich populärer als der Rest der Bande war. Der war offensichtlich auch zu gefährlich.

    Über den Kuhhandel mit den Energiekartellen und den Schwindel von Brüderle und Schwesterle redet heute keiner mehr. Oder der gefakte Bericht zu Risiken bei Laufzeiten von Atomkraftwerken?

    Statt dessen zerreisen wir uns das Maul über Fussnoten einer echt belanglosen Doktorarbeit …

    Bäh. Mir wird da einfach nur schlecht!

  4. Nur, weil es auch andere, vielleicht auch sehr viel wichtigere Themen gibt, lasse ich mir nicht verbieten, vor der eigenen Haustür zu kehren. Wer die Affaire auf „Fussnoten“ reduziert, macht sich bereits zum Mittäter bei der Vertuschung in einer Frage, in der es tatsächlich um die Frage nach Betrug und Urheberrecht geht und um die Qualität unserer Ausbildung. Wenn wir die aufgeben, müssen wir uns auch keine Mühe mehr damit geben, in der Regierung „aufzuräumen“.

    Nein, auch die anderen Betrügereien sind nicht vergessen. Und der Kampf gegen Betrug, Korruption und faule Abkommen muss selbstverständlich weitergehen. Aber: Es gibt keine „belanglose Doktorarbeit“! Entweder ist eine wissenschaftliche Arbeit den Grad wert, den eine Universität dafür vergibt oder nicht. Und auch an dieser Stelle sind noch einige Hausaufgaben zu machen. Nur ganz ehrlich: Im Gegensatz zur Energiepolitik sind meine Quellen in Bezug auf Forschung und Lehre sehr viel näher und für mich sehr viel transparenter und nachvollziehbarer. In dieser Sache weiss ich genau, wovon ich spreche, wenn ich sage: So geht es nicht – mit dieser Nummer darf man an einer Deutschen Hochschule nicht durchkommen und nein, so darf eine Bundeskanzlerin auch nicht von Wissenschaftlern und der richtigen Welt sprechen!

    Ich bin, so sieht es aus, einfach nur Teil des langweiligen Bildungsbürgertums. Und nur, weil ich mir x Jahre meines Lebens dafür den Arsch aufgerissen habe, so einen Grad vor den Namen schreiben zu dürfen, auf Kino, Party, Hobbies und meine Familie verzichtet habe… Und nur weil jetzt jemand daher kommt und durch Beschiss sich den gleichen Grad erschleicht bin ich wirklich sauer. Und da geht es mir ganz ehrlich auch dezent am Arsch vorbei, wenn der Großteil der Bevölkerung das heute nicht kapiert und auch morgen nicht kapieren wird.

  5. Ich las grad die Neuigkeiten über die Pro-Dingsda-Front (siehe Weblinks vom vorangegangenen Kommentar).

    Herrgott, bitte mach‘, dass endlich wieder gearbeitet wird …

    :~-(

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