{"id":2371,"date":"2010-11-27T22:23:25","date_gmt":"2010-11-27T21:23:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weblog.hildania.de\/2010\/11\/27\/dein-gehirn-und-das-internet\/"},"modified":"2010-11-27T22:23:25","modified_gmt":"2010-11-27T21:23:25","slug":"dein-gehirn-und-das-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/2010\/11\/27\/dein-gehirn-und-das-internet\/","title":{"rendered":"Dein Gehirn und das Internet"},"content":{"rendered":"<p>Auf literalaction.com las ich vor einigen Tagen einen Artikel \u201c<a href=\"http:\/\/lateralaction.com\/articles\/internet-brain\/\">Yes, the internet is changing your brain<\/a>\u201d. Die \u00dcberschrift verwunderte mich. Mr. Obvious? Nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert auch das Internet mein Gehirn &#8211; wie alles um mich herum mit dem ich mich besch\u00e4ftige und mit dem ich in Ber\u00fchrung komme. Da bin ich auch unglaublich froh dr\u00fcber, denn nur so gelingt es mir (mehr oder weniger) mit meiner Umwelt zurecht zu kommen. Der Mensch ver\u00e4ndert seine Umwelt, die Umwelt ver\u00e4ndert ihn. Das Lesen des Artikels war f\u00fcr mich dann auch irgendwie wie ein Krimi, bei dem man ganz zu Beginn den M\u00f6rder schon kennt und wo man im Laufe des Buches genau auf das erwartete Ergebnis kommt. Aber manchmal machen eben auch Details ein den Reiz aus. Und so f\u00fchlte ich mich zum Teil best\u00e4tigt und zum Teil mit neuen Informationen zu bekannten Aspekten versorgt. Und ich habe einige eigene Gedanken dazu &#8211; und ich pers\u00f6nlich bin ein Fan von Texten, die das eigene Denken anregen!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/weblog.hildania.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Bildschirmfoto-2010-11-27-um-21.57.421.jpg\" width=\"640\" height=\"400\" alt=\"Bildschirmfoto 2010-11-27 um 21.57.42.png\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theatlantic.com\/magazine\/archive\/2008\/07\/is-google-making-us-stupid\/6868\/\">N. Carr<\/a> wird in dem Artikel zitiert. Und Carr ist wenig erfreut \u00fcber die Tatsache, dass er an sich selbst feststellt, wie seine Konzentration in vielen Bereichen einfach fl\u00f6ten geht und ihm Dinge zunehmend schwerer fallen, die fr\u00fcher einfach waren. Nun bekomme ich ja sofort Stacheln, wenn jemand mit der \u201cfr\u00fcher war alles besser\u201d Nummer ankommt und schalte unmittelbar in den Widerlegungsmodus. Wobei &#8211; Carr hat recht. Das Problem ist aber nicht, wie er vermutet das Internet, sondern eine Vielzahl von Ver\u00e4nderungen, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben: Mein Apple ][ konnte <a href=\"http:\/\/apple2history.org\/history\/ah19\/\">(eine extrem coole) Textverarbeitung<\/a> auf einem 80&#215;24 Zeichen Bernsteinmonitor darstellen. Mein <a href=\"http:\/\/www.atarimuseum.de\/megast.htm\">Atari ST<\/a> war in der Lage neben einer ebenfalls ziemlich guten Textverarbeitung ein paar speziell f\u00fcr diesen zweck programmierte Anwendungen nebenbei auszuf\u00fchren, wie z.B. einen Taschenrechner, einen Kalender und was sonst noch sinnvoll sein k\u00f6nnte. Unter <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/MINIX\">MINIX<\/a> hatte ich dann schon echtes Multitasking, das aber in der Regel nur f\u00fcr die Aufbereitung von Informationen im Hintergrund verwendet wurde. Dann kam X-Windows auf einem 386BSD, bei dem auch noch das Multitasking haupts\u00e4chlich f\u00fcr das Zusammenf\u00fchren von Informationen genutzt wurde. Mit Chatprogramm, Webbrowser, Mailer und RSS-Ticker versuchen heute jedoch gleich mehrere Programme meine Aufmerksamkeit f\u00fcr sich zu beanspruchen. Werbung unterbricht heute jeden Film im Fernsehen &#8211; weshalb das Medium nahezu unbenutzbar geworden ist. Werbeplakate werden extra hin und her gerollt, um als bewegtes Objekt die Aufmerksamkeit auf der Stra\u00dfe auf sich zu ziehen. Mein Telefon blendet in diversen Anwendungen gezielt Werbung ein, um mich von eben dieser Anwendung abzulenken. Wenn ich in einer Suchmaschine etwas suche, wird mir Werbung angezeigt, die auf den gesuchten Begriff getrimmt ist, um mich auf \u201candere Wege\u201d zu schicken. Wir werden t\u00e4glich mit Gigabytes an Spam-Mails zugeschossen usw. usw.<\/p>\n<p>Ich will darauf hinaus, dass wir in einer Welt leben, die wir uns selbst zur Ablenkung geschaffen haben. Warum schreibt mir mein Mobilfunkanbieter keinen Brief, sondern will mich immer anrufen? Er unterbricht mich garantiert bei irgendetwas. Zeitungen schreiben heute mehr voneinander ab und recherchieren oft nicht einmal mehr selbst und leider passiert das auch immer wieder bei Fachartikeln, auf deren fehlerhaften und wenig fundierten Behauptungen Entscheidungen getroffen werden. Fastfood f\u00fcr den Kopf. Hauptsache es ist sauber portioniert und aufbereitet und kann genauso rund konsumiert werden.<\/p>\n<p>Der Mensch ist f\u00fcr Multitasking nicht gebaut. Wir sind am leistungsst\u00e4rksten, wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren. Also arbeiten wir gegen uns. Schade! Die gute Nachricht ist: Wir sind dem nicht machtlos ausgeliefert! Gerade sitze ich in Ruhe vor einem schwarzen Bildschirm mit gr\u00fcner Schrift (Geschmackssache) und habe nichts, als den Text vor mir und einen Zettel (ja, totes Holz) rechts neben mir, auf dem Notizen stehen. Keine Musik, kein Fernseher l\u00e4uft, nur das leise Rauschen des Mac mini und der zwei externen Festplatten hier. Ruhe. <a href=\"http:\/\/zenhabits.net\/focus-book\/\">Fokus<\/a>. Es geht!<\/p>\n<p>Ein Teilaspekt des literalaction.com Artikels ist das lineare Lesen, das bei herk\u00f6mmlichen B\u00fcchern \u00fcblich ist im Gegensatz zum nicht-linearen Lesen, das durch Hyperlinks im WWW beg\u00fcnstigt wird. Es gibt einfach Gedanken, die Zeit brauchen und auf die sich ein Leser einstellen muss. Gedankliche Spr\u00fcnge, vor denen man sich sozusagen erst einmal warm machen muss. Es gibt aber auch Artikel, die einem Zusammenh\u00e4nge zeigen m\u00f6chten und dies durch viele andere Artikel belegen. Manchmal suche ich aber auch einfach Informationen, die ich nicht an Ort und Stelle aber nach dem zweiten oder dritten Link finde.<\/p>\n<p>Es gab eine Zeit, da habe ich Artikel im Internet geschrieben, wie auf dem Papier. Ich habe Endnoten gesetzt, \u00fcber die man dann an die Verweise gekommen ist. Ich ging davon aus, dass ein Leser zun\u00e4chst meinen Artikel in G\u00e4nze konsumieren wird und sich dann an die Quellenangaben macht. Das ist eine Bevormundung der Leser. Jeder kann einem Link folgen, wenn er Hintergrundinformationen sucht oder kann ihn aufsuchen, um das Thema zu vertiefen wann und wie es ihm gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Nebenbei bemerkt hat sich das Buch gegen\u00fcber der Schriftrolle genau deshalb durchgesetzt, weil man bestimmte Informationen darin direkt aufbl\u00e4ttern kann und eben nicht immer linear lesen muss. Wer also Hyperlinks verteufelt, sollte nicht zur\u00fcck zum Buch, sondern zur Schriftrolle.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich nutze verschiedene Tricks: Zum einen sammle ich Links aus Twitter, Facebook, RSS-Feeds und E-Mails in <a href=\"https:\/\/weblog.hildania.de\/2010\/02\/22\/die-tagliche-infodosis\/\">Instapaper<\/a> und lese dann alles nacheinander auf meinem <a href=\"https:\/\/weblog.hildania.de\/category\/ebook\/\">E-Bookreader<\/a>. Das Sequenzialisiert zum einen die Texte, verleitet nicht zum Linkhopping und bringt mir die Informationen auch noch auf ein extrem gut lesbares Medium.<\/p>\n<p>Organisatorisch trenne ich damit die Phasen des Sammelns von Artikeln und des Lesens und strukturiere mich damit. Meist setze ich mir dann Lesezeichen und mache mir Notizen, um sp\u00e4ter etwas mit den Informationen anzufangen und meinen Nutzen daraus zu ziehen. Manchmal lese ich dann aber auch Artikel lieber am Mac, weil ich einige Dinge nachschlagen muss oder sehr viel dazu notieren m\u00f6chte, dass ich sp\u00e4ter nicht noch mal \u00fcbertragen will. Manchmal sind es aber nat\u00fcrlich auch Kombinationen aus allem.<\/p>\n<p>Wenn ich Links in Artikeln folge, nutze ich meist ein Fenster f\u00fcr ein \u201cHauptthema\u201d und Tabs f\u00fcr die einzelnen Artikel darin. Wird ein neuer Tab zum neuen Hauptthema ziehe ich ihn raus und mache ein neues Fenster daraus. Was ich heftig mit Notizen versehe, wandle ich mir in PDFs und nutze die Kommentarfunktion. Was ich noch suche ist ein noch \u201ceinfacherer\u201d direkterer Weg, in Webseiten rein zu schmieren (nat\u00fcrlich nur f\u00fcr mich &#8211; wie Defacements funktionieren, weiss ich) und sie dann wieder zu finden.<\/p>\n<p>Aber noch mal zur\u00fcck zum Ausgangsartikel: Trainnierte Googler nutzen sehr viel mehr Gehirnteile beim Suchen von Informationen im Internet, als auf anderen Wegen. Klingt erst einmal gut. Aber mindestens ein Aspekt hier ist die geringe Aufarbeitung der Informationen. Zum einen ist positiv, dass der Leser selbst eine Bewertung vornehmen kann, negativ ist, dass er es muss. Und so f\u00f6rdere ich f\u00fcr mich beide Varianten. Das redaktionell aufbereitete und die eigenen Recherchen &#8211; wobei man nie vergessen darf, dass der Filter sp\u00e4testens in der Suchmaschine einsetzt &#8211; faktisch aber noch viel viel fr\u00fcher, so dass es nur die Frage gibt, wie stark und von wem etwas f\u00fcr mich \u201caufbereitet\u201d vorliegt.<\/p>\n<p>Das Fazit des Artikels ist \u00fcbrigens sehr gut &#8211; und ich habe ihn komplett und linear gelesen. Abschlie\u00dfen stelle ich f\u00fcr mich fest, dass ich nicht \u201callways-on\u201d bin. Neben Besprechungen und beim Lesen bestimmter Texte, nutze ich auch beim Schreiben z.B. das Internet eine gewisse Zeit gar nicht. Daf\u00fcr stelle ich es nicht zwangsweise aus. So viel Selbstbeherrschung besitze ich schon, dass ich nicht nur weil es da ist auf das Icon unten links dr\u00fccken muss. Nebenbei habe ich auf meinem Desktop das meiste ausgeblendet. Programme wie WriteRoom oder WriteMonkey helfen, beim Text zu bleiben. Aber auch spartanisch ausgestattete Netbooks sind eine Chance, sich das Konzentrieren leicht zu machen.<\/p>\n<p>Ansonsten empfehle ich unterschiedliche Orte f\u00fcr unterschiedliche T\u00e4tigkeiten: Die gute alte Leseecke und der Fernsehsessel sind halt was anderes, als der Schreibtisch. Der Positionswechsel tut auch R\u00fccken und Co mal ganz gut. Und wo wir schon beim Gehirn sind. Es werden bei der Bildschirmarbeit andere Gehirnareale genutzt, als beim Arbeiten auf dem Papier. Knifflige Aufgaben bearbeitete ich daher auf verschiedenen Medien und auch gerne an der Tafel. Man will ja alles von dem bisschen Gehirn nutzen, was man kriegen kann. Zumindest der Placeboeffekt ist bei mir hervorragend.<\/p>\n<p>Auch in der Zeit des Internets kann jeder bestimmen, wie er sein Gehirn weiter entwickeln m\u00f6chte und ob oder wie er f\u00fcr Konzentration sorgen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n<a href=\"https:\/\/weblog.hildania.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Bildschirmfoto-2010-11-27-um-21.57.42.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/weblog.hildania.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Bildschirmfoto-2010-11-27-um-21.57.42-tm.jpg\" width=\"160\" height=\"100\" alt=\"Bildschirmfoto 2010-11-27 um 21.57.42.png\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf literalaction.com las ich vor einigen Tagen einen Artikel \u201c<a href=\"http:\/\/lateralaction.com\/articles\/internet-brain\/\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0); color: #98242A; font-family: Verdana; font-size: 15px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; margin-right: 0px; margin-top: 0px; padding-bottom: 0px; padding-left: 0px; padding-right: 0px; padding-top: 0px; text-decoration: underline; text-indent: 0px; clip-rule: nonzero; flood-color: #000000; flood-opacity: 1; lighting-color: #FFFFFF; stop-color: #000000; stop-opacity: 1; pointer-events: visiblepainted; color-interpolation: srgb; color-interpolation-filters: linearrgb; color-rendering: auto; fill: #000000; fill-opacity: 1; fill-rule: nonzero; image-rendering: auto; shape-rendering: auto; stroke-linecap: butt; stroke-linejoin: miter; stroke-miterlimit: 4; stroke-opacity: 1; text-rendering: auto; alignment-baseline: auto; baseline-shift: baseline; dominant-baseline: auto; text-anchor: start; writing-mode: lr-tb; glyph-orientation-horizontal: 0deg; glyph-orientation-vertical: auto;\">Yes, the internet is changing your brain<\/a>\u201d. Die \u00dcberschrift verwunderte mich. Mr. Obvious? Nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert auch das Internet mein Gehirn &#8211; wie alles um mich herum mit dem ich mich besch\u00e4ftige und mit dem ich in Ber\u00fchrung komme.<\/p>\n<p>Auch in der Zeit des Internets kann jeder bestimmen, wie er sein Gehirn weiter entwickeln m\u00f6chte und ob oder wie er f\u00fcr Konzentration sorgen will.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[81,69,3,2,6,93],"tags":[79,70,98,64],"class_list":["post-2371","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ebook","category-entruempeln-leben","category-gedanken-des-tages","category-internet","category-nebenbei-bemerkt","category-notbook-eeepc","tag-ebook","tag-entrumpeln","tag-nebenbei-bemerkt","tag-web"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2371","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2371"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2371\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.hildania.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}